Heute war mein persönlicher Markttag.
Was ich dabei auf vier Stationen so alles erlebt habe, erfahrt ihr jetzt:
Station 1: Der Supermarkt
Supermärkte in China haben Einiges zu bieten.
Um meinen Kühlschrank aufzufüllen, verschlägt es mich manchmal in den chinesischen Ableger der sonst aus Frankreich bekannten Kette Carrefour. Dort gibt es auf zwei Etagen alles zu kaufen, was man sich denken kann (einzige Ausnahme: es gibt keine Taucherbrillen mit Schnorchel). Deshalb gibt es dort auch jeden Menschenschlag zu sehen, den man sich denken kann. Manch einer reist sogar von etwas Entfernung an, um mal ordentlich einkaufen zu gehen. Nur so lässt sich erklären, dass man hier gelegentlich von Mit-Einkäufern als Ausländer so behandelt wird, wie es sonst nur im Rest Chinas passiert: mit erstauntem Interesse!
Ein freudiger Ausruf "Obama!" mit hoch gerecktem Daumen wurde mir so schon einmal als Zeichen des Gesonnenseins bekundet.
Beim heutigen Besuch habe ich aber mein Augenmerk mehr auf die Frischwarenabteilung gelegt und mich dort - entgegen meiner sonstigen Einkaufsgewohnheiten - etwas intensiver umgeschaut.
Dabei sind mir begegnet:
- Schweine- und Hühnerfüße zum Knabbern:
- Zitteraale direkt neben dem Aquarium für sonstige Fische:
- die Stinkfrucht (Durian) in Massen:
- allerlei weiteres "Knabberzeugs" und getrocknetes Allerlei:
Für die Tierschützer unter Euch und auch alle Anderen verzichte ich auf weitere Bilder mit übereinander gestapelten Schildkröten (lebend und fidel aufeinander herumtrampelnd), die für den Kochtopf vorgesehen sind, Körbe voller Heuschrecken und sonstiger, mir nicht namentlich bekannter Larven.
Wer Interesse daran hat, sollte sich am Besten einfach mal selbst auf den Weg machen!
Es lohnt sich - es gibt viel zu sehen!
Station 2: Der Heiratsmarkt
Nach dem Einkauf ging es weiter.
Bevor Missverständnisse entstehen, eines vorweg: Nein, ich heirate nicht und ich habe es auch nicht in absehbarer Zeit vor.
Ich bin einfach mal so bei schönem Wetter herum gelaufen und im People's Park am People's Square im zentralsten Shanghaier Zentrum gelandet.
Nach ein paar Metern bin ich dann in diese Menschentraube gestolpert:
Vornehmlich ältere Menschen waren hier sehr beschäftigt zu Gange, alle schauten etwas betrübt, manche sogar richtig verzweifelt.
Ich begann, mich unwohl zu fühlen, wusste aber nicht genau, warum.
Meine Blicke schweiften unauffällig umher. Ich versuchte, mir einen Weg durch die Menge zu bahnen.
Dann kam ich in die Nähe dieses Tunnels. Schnell erkannte ich, dass hier an Wäscheleinen zahlreiche Zettel aufgehängt wurden. Jeder Zettel schien zu einem der anwesenden älteren Herren oder einer der älteren Damen, in einigen Fällen auch zu einem älteren Ehepaar, zu gehören.
Ein Blick aus der Nähe brachte weitere Erkenntnisse: Hier hingen Steckbriefe mit mal abwesend schauenden jungen Männern, mal schnittig uniformierten Soldaten oder Polizisten, mal unschuldig blickenden Frauen geboren in den 80ern. Denn meistens war ein Geburtsdatum zu lesen, dazu die exakte Größe und das Gewicht. Oft auch noch viele weitere Informationen, von Hobbies über Blutgruppe bis zu zurück liegenden Krankheiten.
Ich malte mir Einiges aus:
- Handelte es sich um politisch Verfolgte und Vermisste?
- Hat China in den letzten Jahren in einem Krieg zahlreiche Menschenleben verloren, denen gedacht werden muss?
- Sind diese Menschen alle todkrank und können sich die notwendige Medizin nicht leisten?
Letztere These stärkte sich, als ich ein paar Herrschaften in weißen Kitteln hinter einem Stand stehen und agitieren sah.
Irgendwann näherte ich mich dezent einer dieser Wäscheleinen, um ein paar genauere Blicke auf die Zettelchen zu werfen. Plötzlich tauchte eine dieser älteren Damen auf, zeigte ihr bestes Colgate-Lächeln und fing einen langen Monolog an, von dem ich maximal drei Worte verstand.
In dem Moment trat mir ein anderer jüngerer Mann zur Seite, stieß mir in die Rippen und meinte, für die auf dem Steckbrief abgebildete Dame müsste ich nur eine 120 qm-Wohnung im Zentrum Shanghais vorweisen - dann wären die Eltern einverstanden.
So langsam dämmerte es mir, wo ich gerade hinein zu geraten drohte: Ich befand mich auf dem Heiratsmarkt!
Auf einmal ergab alles einen Sinn:
- Eltern, die keine Chance auslassen, um die eigenen Kinder zu verkuppeln und an den Mann oder die Frau zu bringen
- Eltern, die natürlich eine ordentliche Mitgift vom zukünftigen Schwiegersohn in Form einer (abbezahlten) Eigentumswohnung erwarten
- Eltern, die schlechte Laune bekommen, wenn sich niemand mit Wohnung finden lässt oder die Tochter alle in Frage kommenden Kandidaten verschmäht, so dass sie das lokale "Verfallsdatum" für eine normale Hochzeit mit 25 Jahren, bei manchen Eltern vielleicht sogar 28 Jahren, überschritten hat
Als mir das alles schlagartig klar wurde, machte ich mich schnell auf zu meiner dritten Station für heute - und nach ein paar Minuten zu Fuß hatte ich dann auch endlich die Hunderte, ach was: Tausende von Lebensläufen passiert.
Auf mich wartete schließlich noch der Fake-Markt und der Vogelmarkt.
Mehr dazu in einem separaten Post.









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